Das ‘Land’ der schwarz-weiss-blauen Flagge

Grenzsteine (Foto: Hans Hermans)

Es gab zur damaligen Zeit 60 Grenzsteine und irrtümlicherweise wird auch heute noch über Neutral-Moresnet geredet.


[24. Juni 2009]

Der Wiener Kongress stellte 1815 das Land zwischen Maas und Rhein auf den Kopf. Limburg fiel an die Niederlande, während Aachen mit dem Rheinland Preussen angeschlossen wurden. In Wien konnten die Staatsmänner sich nicht über den Altenberg verständigen, der zwischen Niederländisch- und Preussisch Moresnet lag. Am 9. und am 25. Juni 1815 betrachtete man das 344 ha kleine dreieckige Gebiet als ‘provisorische Absprache’, damit Altenberg ungeteilt blieb. Dabei wurde der Begriff ‘neutral’ nicht verwandt. Weil die bei Aachen gelegene Kupferstadt Stolberg Zink für die Herstellung von Messing brauchte, war Preussen an dem Galmei (Zinkerz) interessiert. Man sah das provisorische Moresnet als einen von Deutschland abhängigen Staat an. Nach Alfred Bertha (Hergenrath), waren die Bestimmungen des Wiener Kongresses (Art 25 und 66) reichlich unbestimmt, weil es nicht lohnend erschien, dem kleinen Altenberg mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Nach Firmin Pauquet (Erdkundelehrer aus Kelmis) war Moresnet selbst ein Kondominium (zweiherrig), weil sowohl Preussen als auch die Niederlande das Gebiet als ihr Territorium betrachteten.

Preussen sah das ungeteilte Gebiet als einen Vasallenstaat an, als 1816 in Aachen Verhandlungen stattfanden. Die Unterstellung unter zwei Herren stand für Preussen damals nicht zur Verhandlung und der Begriff neutral wurde nicht gebraucht. Der Altenberg sollte und musste eins werden mit dem Preussischen Staatsgebiet unter Anwendung preussischen Staatsrechtes. In Art 17 des Aachener Vertrages wurde festgelegt: La ligne de démarcation restera indéterminée. (Der Verlauf der Grenze wird nicht vereinbart.) Wo es an einer Grenze fehlt , besteht auch kein Land und dementsprechend entstand auf den Schnittlinien von Vaals, Laurensberg und Altenberg am 26. Juni 1816 ein Dreizonenbereich. Weil Altenberg kein souveräner Staat, nicht einmal ein Kondominium war, wurden die neuen Einwohner von den Niederlanden und Preussen als Staatenlose angesehen.

Nach Dietmar Kottmann (Aachener Jurist) ist das zweifelhaft, da das Gebiet nicht nur politisch und juristisch, sondern auch auf wissenschaftlichem Gebiet sehr umstritten war. Wobei er auf den Begriff Konkustodium (gemeinschaftliche Beherrschung) zurück greift. Nach Herbert Ruland (Eupener Historiker) blieb das vermeintlich neutrale Gebiet über fast ein Jahrhundert ein Provisorium (i.S.v. vorläufiger Zustand) und wurde seit dem 22. September 1830, als das niederländische Moresnet an Belgien fiel, in Brüssel der Begriff Enklave Moresnet gebraucht. Der niederländische Beauftragte Joseph Brandes wurde vertrieben und 1835 folgte ihm der belgische Vertreter Lambert Ernst. Am 16. August 1839 kam der östliche Teil Limburgs wieder zurück an die Niederlande. An den Schnittpunkten der Grenzen von Vaals, Laurensberg, Gemmenich und dem ungeteilten Moresnet entstand ein Viergebietspunkt, gleichzeitig Dreiländereck zwischen den Niederlanden, Preussen und Belgien. In den folgenden Jahren wuchs die Bevölkerung des provisorischen Moresnet und der eingesetzte Betriebsarzt Dr. Molly liess widerrechtlich Briefmarken drucken und Münzen schlagen. Diese mussten bald darauf ausser Kurs gestellt werden.

Am 4. August 1914 zog das 25. Deutsche Infanterieregiment von Aachen aus über das Dreiländereck auf Lüttich zu und als Belgien einen Tag später Deutschland den Krieg erklärte, wurde das ungeteilte Moresnet von Preussen besetzt. Das widersprach tatsächlich Art 17 des Vertrages von Aachen, in dem ausdrücklich stand, dass eine militärische Besetzung verboten war. Am 27. Juni 1915 wurde das ungeteilte Gebiet faktisch von Preussen annektiert. So fand das vermeintliche Neutrale Moresnet nach genau 99 Jahren ein Ende. Der belgische Vertreter Bayer begab sich wohlweislich auf die Flucht und ein preussischer Offizier übernahm die Macht. Auf nostalgischen Ansichtskarten erinnern Wörter wie Vierländereck und Vierländerblick an einen Landstrich, der ein nur in der Fantasie bestehendes Staatsrecht und eine vermeintliche Staatsmacht hatte. Allerdings waren die Einwohner stolz auf ihren Ort und zogen bei jeder Gelegenheit die schwarz-weiss-blaue Flagge auf. Die Farben schwarz und weiss von Preussen, blau von dem Hause Nassau.

Am 28. Juni 1919 und am 15. September 1919 fiel der kleine Staat, der eigentlich keiner war, nach Recht und Gesetz an Belgien und wurde seitdem La Calamine genannt. Die staatenlose Bürger die bekanntermassen nicht Teil eines Staatsvolkes waren, mussten sich seitdem für eine Staatsangehörigkeit entscheiden.

Im Buch “150 Jahre Regierungsbezirk Aachen” schrieb der Historiker Doktor Kurt Pabst den Beitrag ‘Neutral-Moresnet, ein Dorf ohne Staatsangehörigkeit’. Auch in anderen Büchern lesen wir hin und wieder über eine neutrale Staatsmacht und einen Vierländerpunkt, aber alles nur Fiktion. Tatsächlich war das zweifelhafte Gebiet eine deprincipio intolerabilis, was ich übersetzen möchte mit unerträglicher Machtstruktur. Interessant ist aber, dass sich zu jener Zeit am höchsten Punkt der Niederlande ein Fünfgrenzenpunkt befand, der aus den Gemeindegrenzen von Vaals, Laurensberg, Neu-Moresnet, Kelmis und Gemmenich bestand. Seit dem 1. Januar 1977 befindet sich hier der Viergrenzenpunkt mit den Gemeindegrenzen von Vaals, Aachen, Kelmis und Plombières. Dass sich hier seit dem 16. August 1839 ein Dreiländerpunkt befindet, ist allgemein bekannt.

Heemkundige Historie Hans Hermans Heerlen